Finanzmärkte im Fokus

Simon Wyss
Leiter Fondsmanagement, CIO
simon.wyss@graffenried-bank.ch

Erstes Quartal 2020

Coronakrise

Am 31. Dezember 2019 berichtete die Weltgesundheitsorganisation WHO über eine Zunahme von schweren Lungenentzündungen in der chinesischen Grossstadt Wuhan. Eine Woche später entdeckten Experten ein neuartiges Coronavirus, dem der Name «Coronavirus Disease 2019» (kurz: Covid-19) zugeordnet wurde. Das Virus weist Eigenschaften auf, die dessen Eindämmung erschweren: Einerseits ist es leicht übertragbar und kann sich ohne Gegenmassnahmen somit rasch und exponentiell weiterverbreiten. Andererseits können von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit mit teilweise nur milden Symptomen bis zu 14 Tage vergehen. Dies vereinfacht es dem Erreger, sich unbemerkt weiterzuverbreiten. So dauerte es denn auch weniger als einen Monat, bis das Coronavirus zum ersten Mal in Europa festgestellt wurde.    

In den allermeisten Fällen kann von einem milden Krankheitsverlauf ausgegangen werden. Zur Lebensgefahr kann hingegen das Virus für Risikogruppen werden. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und das Gesundheitswesen so gut wie möglich zu entlasten, verordneten die Regierungen praktisch aller europäischen Länder und ebenso der USA einen Lockdown von unbestimmter Dauer. Die Folge ist eine einschneidende Verlangsamung des gesellschaftlichen Lebens mit darauffolgenden konjunkturellen Konsequenzen.                                                                              

Abrupter Stimmungsumschwung

Die letzten Jahre bescherten den Investoren positive Anlageergebnisse, wodurch sich bei manchen Anlegern eine gewisse Sorglosigkeit entwickelte. Unterstützt wurde dieser Prozess durch die Tiefzinspolitik der wichtigsten Notenbanken. Auf der Jagd nach Rendite wurden zuweilen Risiken in die Portfolios aufgenommen, die unter normalen Umständen nicht eingegangen worden wären. Zudem vermochten in jüngerer Vergangenheit die Aktienmärkte manche Enttäuschung rasch wegzustecken.

Treffen allerdings unerwartete Ereignisse mit unsicherem Ausgang auf die Finanzmärkte, können sich die Vorzeichen abrupt ändern. Dies trifft auf die sich rasch ausbreitende und die Wirtschaft lähmende Corona-Pandemie zu, die eine globale Rezession auslösen wird.

Kollabierender Erdölpreis als Krisenbeschleuniger

Aufgrund der sich abzeichnenden Wirtschaftsabschwächung geriet zudem der Erdölpreis unter Druck. Zur Preisstabilisierung reagieren in solchen Situationen typischerweise die Vereinigung erdölexportierender Länder (OPEC) und Russland mit einer Drosselung der Fördermenge. Dieses Mal scheiterten jedoch die Verhandlungen, was zu einem massiven Einbruch der Ölpreise führte (Abb. 3). Saudi-Arabien und Russland dürften ihre Fördermenge zur langfristigen Sicherstellung ihrer Marktanteile gar erhöhen. Ziel ist es, die US-amerikanischen Schieferölproduzenten aus dem Markt zu drängen, die erst ab einem Ölpreis von ungefähr 40 bis 50 US-Dollar pro Fass profitabel fördern können. Coronakrise und Einbruch der Erdölpreise versetzten die Finanzmärkte vollends in Panik. Heftige Verkaufswellen mit massiv einbrechenden Notierungen waren die Folge.

Der als defensiv geltende Swiss Performance Index (SPI) korrigierte seit seinem Jahreshöchst um über 30 % (Abb. 1). Über einen Drittel büsste der US-amerikanische Aktienindex S&P 500 ein. Ebenfalls unter starken Abgabedruck gerieten Obligationen von Schuldnern mit schlechter Qualität. Beschleunigt wurde dieser massive Kursrückgang durch computergesteuerte Verkaufsprogramme und sogenannte «Margin Calls» bei auf Kredit spekulierenden Marktteilnehmern. Somit musste verkauft werden, was noch einigermassen liquide war. Entsprechend erlitten auch stabile Anlagen wie Schweizer Obligationen mit Topqualität, Gold oder kotierte Schweizer Immobilienfonds Werteinbussen, was zu rekordhohen Marktschwankungen (Volatilitäten) und Illiquidität in gewissen Marktsegmenten führte.

Fiskal- und geldpolitische Rettungsprogramme

Um die Folgen der staatlich verordneten Rezession zu mildern, initiierten die Regierungen im Rekordtempo gigantische Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft. Das Schweizer Hilfspaket beläuft sich auf vorläufige 42 Milliarden Schweizer Franken und entspricht damit ungefähr 6 % der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die USA schnürte ein Paket im Wert von 2‘200 Milliarden US-Dollar, was gut 10 % des Bruttoinlandprodukts entspricht. Somit werden die Staatsverschuldungen weltweit weiter zunehmen. Diese staatlichen Schutzwälle sorgten vorderhand für eine 

Abb. 1: Swiss Performance Index (SPI) seit 2010

Quelle: Bloomberg 

 

Abb. 2: GR Fonds 01.01.2020–31.03.2020

Quelle: Bloomberg 

 

Beruhigung und die Aktienindizes erholten sich um bis zu 20 % von ihren Tiefstständen. Hinzu kommen die Hilfestellungen der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), die ihr Zielband für den Leitzins auf 0 – 0,25 % gesenkt hat und sich zudem zu unbeschränkten Anleihenrückkäufen bekennt. Ebenfalls Anleihen im Umfang von 750 Milliarden Euro aufkaufen will bis Ende Jahr die Europäische Zentralbank (EZB). Diese Programme sollen die Liquidität in den wichtigen Anleihenmärkten sicherstellen.

Konjunkturelle Auswirkungen

Dauer und Schärfe der durch die Lockdowns ausgelösten Rezession lassen sich aus heutiger Sicht kaum prognostizieren. Entsprechend weit auseinander klaffen auch die Schätzungen der verschiedenen Konjunkturforscher. Somit dürften die Volatilitäten an den Finanzmärkten noch eine Weile anhalten. Eine nachhaltigere Beruhigung wird erst eintreten, wenn sich abzeichnet, dass sich die Zahl der Neuinfizierten zumindest stabilisiert. Von diesem Szenario ist beispielsweise die USA noch um einiges entfernt. Anlass zur Zuversicht hingegen geben die Entwicklungen in der chinesischen Millionenstadt Wuhan. Dank den drastischen Massnahmen der Regierung sank die Zahl der Neuansteckungen dort praktisch auf null. Damit konnte in den letzten Tagen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben schrittweise wieder hochgefahren werden. Auch in Europa werden sich die Behörden mit der heiklen Abwägung zwischen Schutz der Risikogruppen und dem Schaden, der durch eine länger anhaltende Rezession entsteht, auseinandersetzen müssen.

Langfristig attraktive Aktien

Aktien bleiben langfristig die Anlagekategorie mit der attraktivsten Renditeerwartung. Allerdings müssen Anleger mit hohen Kursschwankungen umgehen können. Insbesondere in der aktuellen Krise fällt es schwer, sich all den Schreckensmeldungen auch nur teilweise zu entziehen. Trotzdem wirkt die heftige Korrektur an den Aktienmärkten reinigend. Wer mit zu viel Fremdkapital operierte, oder allgemein zu hohe Risiken einging, musste liquidieren. Im Rahmen der definierten Anlagestrategie – an der es auch in diesen Zeiten festzuhalten gilt – bieten die tieferen Kursniveaus Möglichkeiten zum selektiven Auf- und Ausbau von Qualitätsaktien mit solider Bilanz. Dies muss allerdings diversifiziert und gestaffelt erfolgen. Besonders börsenkotierte und global tätige Schweizer Unternehmen zeichnen sich durch eine hohe Krisenresistenz aus. Somit gelingt es ihnen, sich rasch an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Gerade in diesen Zeiten bieten sich Chancen zu Effizienzgewinnen. Ebenfalls zu den Gewinnern werden Unternehmen aus dem Onlinebereich gehören. Zahlreiche Arbeitnehmende stellen zurzeit fest, dass es sich auch mit eingeschränkter Reisetätigkeit ziemlich effizient arbeiten lässt. Zudem erlaubt die entschleunigte Gesellschaft der Natur eine willkommene Verschnaufpause.

Abb. 3: Wertveränderungen 01.01.2020–31.03.2020

Quelle: Bloomberg 

 

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