Wenn Naturgewalten Kapitalmärkte treffen

5. Januar 2026

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 295 Kilometern pro Stunde fegte der Hurrikan «Melissa» am 28. Oktober 2025 über den Karibikstaat Jamaika, wobei es sich um einen der stärksten je gemessenen Wirbelstürme im Atlantik handelte.

Aufgrund seines sich langsam vorwärts bewegenden Zentrums war der Hurrikan besonders zerstörerisch. Neben schrecklichen persönlichen Schicksalen, die der Wirbelsturm verursachte, sorgte er auch für massive Schäden an Infrastruktur wie Krankenhäusern, Schulen, Brücken und Energieversorgung. Experten der Weltbank erwarten Gesamtschäden von bis zu 8,8 Milliarden US-Dollar, was rund 41 % des jamaikanischen Bruttoinlandsprodukts von 2024 entspricht. Gemäss Schätzungen sind jedoch lediglich Schäden in der Höhe von 2,2 bis 4,2 Milliarden US-Dollar versichert. Wie bei vielen Naturkatastrophen zeigt sich auch hier eine deutliche Versicherungslücke; die tatsächlichen Gesamtschäden übersteigen die versicherten Schäden deutlich.

Kapitalmarktbasierte Lösungen zur Absicherung gegen Naturkatastrophen

Zur Ausweitung der Risikotragfähigkeit können neben dem herkömmlichen Versicherungsgeschäft auch kapitalmarktbasierte Instrumente beitragen, wenngleich sich deren Wirkung nur bei entsprechender Nachfrage entfaltet. Die Lösung sind Katastrophenanleihen (englisch cat bonds), die seit Mitte der 90er-Jahre zusätzliche Rückversicherungskapazitäten bieten. Schäden durch Naturkatastrophen, die durch CAT Bonds gedeckt werden, sind beispielsweise Erdbeben, Überschwemmungen, schwere Gewitter, Tornados, Waldbrände oder Wirbelstürme. Durch die Verbriefung von Versicherungsrisiken zählen Katastrophenanleihen zu den Insurance Linked Securities (ILS) und gehören somit in die Anlagekategorie der Alternativen Anlagen.

Besonderheiten von Katastrophenanleihen im Vergleich zu klassischen Anleihen

Katastrophenanleihen teilen wie Standardanleihen (englisch straight bonds) die für festverzinsliche Wertpapiere üblichen Eigenschaften eines festgelegten Nominalbetrags, einer begrenzten Laufzeit sowie vertraglich zugesicherte Zahlungsansprüche (Coupon und Rückzahlung des Nominals). Im Gegensatz zu Standardanleihen können jedoch die Zahlungsansprüche während der Laufzeit verfallen. Dies ist der Fall, sobald der im Vertrag der Katastrophenanleihe definierte Auslösemechanismus durch eine Naturkatastrophe aktiviert wurde. Je nach Ausgestaltung des Vertrags greift in diesem Fall der Sponsor auf einen Teil oder den ganzen Nominalbetrag der Anleihe zurück, um die durch die Naturkatastrophe entstandenen Schäden zu decken. Der Anspruch des Sponsors ist jedoch auf das ausstehende Nominal limitiert, weshalb keine Nachschusspflicht für Investorinnen und Investoren besteht. In der Versicherungsbranche wird als Sponsor der ursprüngliche Träger des Versicherungsrisikos bezeichnet. Sofern während der Laufzeit kein Mechanismus ausgelöst wurde, erhalten Investorinnen und Investoren am Ende den gesamten Nominalbetrag zurück.

In der Branche haben sich unterschiedliche Auslösemechanismen durchgesetzt. Eine Gemeinsamkeit aller ist, dass zur Auslösung ein im Vornherein definierter Schwellenwert erreicht werden muss. Als gängige Form werden parametrische Mechanismen herangezogen, bei denen beispielweise physikalisch messbare Kriterien wie Erdbebenstärke, Windgeschwindigkeit oder Luftdruck über- oder unterschritten werden müssen.

Weiter unterscheiden sich Katastrophenanleihen zu Standardanleihen, in dem der Nominalbetrag in eine Zweckgesellschaft (englisch special purpose vehicle, SPV) einbezahlt wird. Dies hat sowohl aus Sicht des Sponsors als auch der Investorinnen und Investoren diverse Vorteile. Die Versicherungsprämie für das übernommene Risiko bezahlt der Sponsor während der Laufzeit in die Zweckgesellschaft. Da der Nominalbetrag erst bei Eintreten einer Naturkatastrophe abgerufen werden kann, wird das Kapital zwischenzeitlich in Geldmarktinvestitionen angelegt. Für Investorinnen und Investoren setzt sich der Coupon von Katastrophenanleihen somit aus einer fixen Risikoprämien-Komponente sowie einer variablen Geldmarkt-Komponente zusammen.

Ertragschancen und Portfoliowirkung von Katastrophenanleihen

Für Investorinnen und Investoren bieten Katastrophenanleihen eine interessante Möglichkeit, ihr Kapital anzulegen. Für die Übernahme von Risiken aus Naturkatastrophen erhielten Anlegerinnen und Anleger Ende September 2025 eine Risikoprämie von rund 5,5 % in US-Dollar. Hinzu kommt die Verzinsung aus den Geldmarktanlagen von rund 4,0 %, so dass sich eine Brutto-Gesamtrendite von gut 9,5 % in US-Dollar ergibt. Die hohen Renditen von Katastrophenanleihen lassen sich mit der grossen Nachfrage von Rückversicherungskapazitäten begründen, die durch den demografischen, ökonomischen und klimatischen Wandel angetrieben werden.

Die Verzinsung von Katastrophenanleihen steht auch gegenüber festverzinslichen Wertpapieren mit ähnlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten wie globale Unternehmens-Hochzinsanleihen (englisch corporate high yield) gut da. Diese warfen Ende September lediglich 6,7 % Zinsen ab. Ein weiterer Vorteil von Katastrophenanleihen ist der geringe Gleichlauf zwischen Naturkatastrophen und Finanzmarktereignissen. Technisch ausgedrückt, besteht somit eine tiefe Korrelation, was für Investorinnen und Investoren eine bessere Diversifikation bedeutet.

Absicherung im praktischen Einsatz

Um sich gegen Schäden abzusichern, die von Wirbelstürmen hervorgerufen werden, lancierte die jamaikanische Regierung als Sponsor im Jahr 2024 eine Katastrophenanleihe von 150 Millionen US-Dollar mit einer Laufzeit über vier Jahre. Die Emission wurde mit Hilfe der Weltbank und der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) durchgeführt. Für das übernommene Risiko zahlt Jamaika 7,0 % Prämie pro Jahr. Die Eintrittswahrscheinlichkeit wurde gemäss Modellberechnung mit 2,34 % angegeben.

Als Auslösemechanismus wurde Luftdruck als parametrischer Faktor festgelegt. Dazu wurde das Land zunächst in verschiedene Boxen aufgeteilt. Sobald innerhalb einer Box der Luftdruck unter den Schwellenwert fällt, kann Jamaika als Sponsor auf einen prozentualen Teil des Nominals zurückgreifen. Das Minimum beträgt dabei 30 % und ist gegen oben maximal auf den Nominalbetrag von 150 Millionen US-Dollar beschränkt.

Mit Hurrikan «Melissa» fegte, wie einleitend beschrieben, einer der stärksten je gemessenen Wirbelstürme über den Atlantik. Dabei sank der Luftdruck in mehreren Boxen unter den Schwellenwert, was eine vollständige Auszahlung des Nominalbetrags an Jamaika zur Folge hatte.

Taktische Ergänzung im Anleiheportfolio

Als Ergänzung zu herkömmlichen Fremdwährungsanleihen setzen wir Kollektivanlagen ein, die in Katastrophenanleihen investieren. Ausschlaggebend dafür sind die attraktive Verzinsung sowie die aus Portfoliosicht vorteilhaften Diversifikationseffekte. Das selektierte Anlageprodukt fokussiert sich dabei vor allem auf Katastrophenanleihen, die nicht wiederkehrende Risiken wie Wirbelstürme oder Erdbeben beinhalten. Währenddessen werden sogenannte Frequenzrisiken wie Waldbrände oder Tornados untergewichtet.

Stefan Heiniger, Portfoliomanager

 

Verfasst von

Stefan Heiniger Portfoliomanager +41 31 320 52 24 E-Mail
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