Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und die damit verbundenen Versorgungsengpässe haben die Preise für Rohöl und raffinierte Erdölprodukte deutlich ansteigen lassen. Dies schürt weltweit erneut Inflationssorgen und rückt die Geldpolitik verstärkt in den Fokus. So haben die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan im September ihre Leitzinsen erhöht, während die Schweizerische Nationalbank an ihrem bisherigen Zinsniveau festhält. Doch weshalb reagieren Zentralbanken unterschiedlich auf einen gemeinsamen globalen Inflationsschock und welche Aufgaben und Instrumente stehen ihnen dabei zur Verfügung?
Zu den bedeutendsten Zentralbanken der Welt gehören die US-amerikanische Federal Reserve (Fed), die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of Japan (BoJ) sowie die Bank of England (BoE). In der Schweiz übernimmt die Schweizerische Nationalbank (SNB) diese Funktion. Eine Besonderheit stellt der Euroraum dar: Die Geldpolitik wird gemeinsam von der EZB und den nationalen Zentralbanken verantwortet, wobei die Entscheide zentral im EZB-Rat getroffen werden. Die Deutsche Bundesbank ist beispielsweise Teil dieses sogenannten Eurosystems und wirkt sowohl bei der Entscheidungsfindung als auch bei deren Umsetzung in Deutschland mit.
Preisstabilität als oberstes Ziel
Die zentrale Aufgabe einer Notenbank besteht darin, mit ihrer Geldpolitik für stabile Preise und damit für Vertrauen in die jeweilige Währung zu sorgen. Starke und unvorhersehbare Preisschwankungen erschweren die wirtschaftliche Planung von Unternehmen und privaten Haushalten. Eine anhaltend hohe Inflation vermindert beispielsweise die Kaufkraft, während dauerhaft sinkende Preise Investitionen und Konsum hemmen können. Preisstabilität schafft deshalb wichtige Voraussetzungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.
Neben der Geldpolitik übernehmen Notenbanken weitere Aufgaben. Dazu gehören unter anderem die Bargeldversorgung, die Sicherstellung eines funktionierenden Zahlungsverkehrs, die Verwaltung der Währungsreserven sowie die Förderung der Finanzstabilität. Die konkreten Zuständigkeiten unterscheiden sich dabei je nach Notenbank.
Von der Geldpolitik zu unterscheiden ist die Fiskalpolitik. Während Notenbanken insbesondere über die Zinsen und die Liquiditätsversorgung Einfluss auf die Wirtschaft nehmen, steuert der Staat die wirtschaftliche Entwicklung unter anderem durch seine Ausgaben- und Steuerpolitik.
Die Grundlagen geldpolitischer Entscheide
Die geldpolitischen Entscheide der Notenbanken orientieren sich hauptsächlich an der Entwicklung der Inflation, des Arbeitsmarktes und des Wirtschaftswachstums. Dabei ist nicht nur die aktuelle Situation entscheidend, sondern vor allem die erwartete Entwicklung. Eine wichtige Rolle spielen deshalb auch die Inflationserwartungen von Unternehmen und privaten Haushalten. Steigen diese dauerhaft, besteht die Gefahr, dass sich höhere Preise auch in den Lohnforderungen und der allgemeinen Preisgestaltung niederschlagen. Ein ursprünglich vorübergehender Preisanstieg, beispielsweise aufgrund höherer Energiekosten, kann sich dadurch verfestigen.
Gleichzeitig berücksichtigen die Notenbanken die konjunkturelle Entwicklung und die Lage am Arbeitsmarkt. Ein kräftiges Wirtschaftswachstum und eine hohe Beschäftigung können die Nachfrage und damit den Preisdruck verstärken. Umgekehrt kann eine schwächelnde Wirtschaft die Nachfrage dämpfen, wodurch Unternehmen Preiserhöhungen weniger leicht durchsetzen können und der Inflationsdruck nachlässt. Wie diese Faktoren gewichtet werden, hängt auch vom jeweiligen Mandat ab. Während die US-Notenbank mit ihrem sogenannten Doppelmandat sowohl Preisstabilität als auch maximale Beschäftigung anstrebt, steht bei der EZB die Preisstabilität im Vordergrund. Auch die Schweizerische Nationalbank verfolgt das Ziel der Preisstabilität und berücksichtigt dabei die konjunkturelle Entwicklung.
Die Instrumente der Geldpolitik
Das wichtigste geldpolitische Instrument der Notenbanken ist der Leitzins. Über diesen beeinflussen sie das allgemeine Zinsniveau und damit die Finanzierungskosten innerhalb einer Volkswirtschaft. Bei einer expansiven Geldpolitik senken die Notenbanken die Leitzinsen, um die Kreditaufnahme und damit den Konsum sowie die Investitionstätigkeit anzuregen. Im Gegensatz dazu zielt eine restriktive Geldpolitik mit höheren Leitzinsen darauf ab, die wirtschaftliche Nachfrage und damit den Inflationsdruck zu dämpfen.
Neben dem Leitzins stehen den Notenbanken weitere Instrumente zur Verfügung. Über geldpolitische Marktgeschäfte können sie die Liquidität im Bankensystem steuern. Mit dem sogenannten Quantitative Easing (QE) kaufen sie Wertpapiere, um die längerfristigen Zinsen zu senken. Beim umgekehrten Vorgehen, dem Quantitative Tightening (QT), reduzieren sie ihre Wertpapierbestände. Die SNB kann zudem durch Devisenmarktinterventionen Einfluss auf den Wechselkurs des Schweizer Frankens nehmen.
Die Übertragung dieser Massnahmen auf die Realwirtschaft wird als geldpolitischer Transmissionsmechanismus bezeichnet. Erhöht beispielsweise eine Notenbank ihren Leitzins, steigen in der Regel auch die Kredit- und Hypothekarzinsen. Unternehmen und private Haushalte werden dadurch zurückhaltender bei Investitionen und Konsumausgaben, wodurch sich der Preisdruck abschwächen kann. Gleichzeitig können höhere Zinsen jedoch das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung belasten. Die Geldpolitik steht somit vor einem Zielkonflikt: Sie muss die Inflation kontrollieren, ohne die Wirtschaft übermässig zu bremsen. Hinzu kommt, dass geldpolitische Massnahmen ihre volle Wirkung häufig erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung entfalten.
Gleiche Ziele, unterschiedliche Wege
Die jüngsten geldpolitischen Entscheide verdeutlichen, weshalb Notenbanken trotz eines gemeinsamen globalen Inflationsschocks unterschiedlich reagieren. Der durch den Nahostkonflikt ausgelöste Ölpreisanstieg erhöht weltweit den Inflationsdruck, trifft die einzelnen Volkswirtschaften jedoch unterschiedlich stark. Während die Fed, die EZB und die Bank of Japan im September ihre Leitzinsen erhöht haben, beliess die SNB ihren Leitzins unverändert bei 0 %.
Ausschlaggebend sind neben den unterschiedlichen wirtschaftlichen Ausgangslagen die Erwartungen hinsichtlich Inflation, Konjunktur und Arbeitsmarkt. Höhere Zinsen können zwar den allgemeinen Preisdruck dämpfen, die durch geopolitische Konflikte verursachte Verknappung des Ölangebots jedoch nicht beheben. Gleichzeitig können steigende Energiepreise sowohl die Inflation erhöhen als auch das Wirtschaftswachstum belasten. Die Herausforderung der Notenbanken besteht somit darin, ihre Geldpolitik vorausschauend auszurichten und dabei die jeweiligen wirtschaftlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen.
Stefan Heiniger, Portfoliomanager